Märchen & Räume

Marianne Fritz

Märchen und Räume

 

veröffentlicht in „korrespondenzen“ zeitschrift für theaterpädagogik 2007

Märchen sind Lebensmittel. Sie eröffnen Räume – für Erzählende

wie für ihr Publikum. Wir begeben uns auf eine Reise durch Zeit, Raum, Märchenbuch und Bilderwelt.

 

I Märchen

Märchen wie Mythen sind unser Erbe. Und Erzählen ist Erinnern. Wir rufen Bilder, Klänge oder Worte auf, die Märchen in uns hinterließen, lassen sie durch uns hindurchgehen, leihen ihnen unsere Stimmen, Blicke, Gesten und geben sie weiter.

Wie haben Erzählen und Bewahren des Erzählten angefangen? Stimmen, Blicke und Gesten unserer beredten Vorfahren sind verloren und brauchen unsere Vorstellungskraft.

Indes, die Märchenbilder sind uralt. Wie haben sie uns erreicht? Aus grauer Vorzeit sind erste Aufzeichnungen von Menschenhand als ‚Symbole’ und Vorformen der Schrift auf Felswänden erhalten. Wegzeichen und geheime Botschaften wurden auf rohen, unbearbeiteten Stein mit Kohle oder Erdfarben gemalt. Andere sind von unseren Ahnen geritzt, gedruckt oder gemeißelt worden.

Die ersten Erzähler von Mythen, Märchen und Fabeln lebten, so wissen wir heute, im alten Ägypten. In ihren Geschichten begegnen uns Bauern, ein Krokodil aus Wachs, geheimnisvolle Zauberer, Oberpriester, Königskinder und Pharaonen. Sie verhandeln das Verhältnis von Göttern und Menschen und nehmen einen Sitz im Leben ein:

Märchen sind in Palästen vor gekrönten Häuptern vorgetragen worden, um ihnen die Zeit zu vertreiben … den Katzenjammer … oder einen Zauber aufzuklären.

Der Fürst von Arabien erzählt seinem großen Herrn, dem Pharao, zum Abschied eine Geschichte als warnendes Beispiel.

Es scheint, daß der Fabel-Erzähler von Dorf zu Dorf zog und die am Boden hockenden mauloffenen Bewohner bunt unterhielt, derselbe, der sie mit seinen Quacksalbereien gesund zauberte.

Ein Schreiber beabsichtigt, mit der Niederschrift einer Erzählung seinem Vorgesetzten eine Freude zu machen.“1

Erzählen von Mund zu Ohr und Aufzeichnen, beides finden wir bereits im alten Ägypten. Wendungen wie „Es war einmal“, Es begab sich einmal“ oder „Sagt man“ leiteten die Erzählungen ein. Sie genießen das Privileg der Anfänglichkeit, denn sie hatten keine Vorbilder.

Viele unserer Tiergeschichten scheinen bei den Ägyptern ihre Vorbilder zu haben. So regten fünfzig Tierfabeln den reisenden Geschichtenerfinder und -erzähler Äsop an: Darunter war die Fabel vom klugen Zicklein, das sich zu einem letzten Tänzchen vom Wolf, in Ägypten vom Fuchs, Schalmeimusik erbittet und damit seine Retter herbeilockt.

Die ältesten Tiermärchen wurden als Illustrationen auf Wände von Schenken gemalt und erzählen beispielsweise davon, wie ein Wieselheer die Mäuse besiegt. Wandbilder vom Krieg zwischen Katze und Maus und der Unmöglichkeit einer Freundschaft zwischen ihnen erheitern in koptischer Zeit die Mönche eines der frühen christlichen Klöster. Malerskizzen lassen vermuten, daß die Gemächer der Frauen mit Tiergeschichten bemalt waren. Hier hielten sich auch die Kinder auf.

„Tierparodien mögen erfreut haben, während Fabeln der Belehrung dienten – „möge der Hörer (!) lernen, damit sich sein Heil erfülle“ oder „ich habe diese Geschichte erzählt, um … [die Lehre von Re] … in dein Herz zu graben.“1

Die Ägypter meißelten Hieroglyphen in die Steinwände ihrer Architekturen. Diese Schrift war für die Ewigkeit bestimmt. Später schrieben sie auf Papyrusblätter, klebten die Seiten aneinander und wickelten ihre Erzählungen zu langen Rollen auf. Auf gleiche Weise fertigten sie „Taschenbücher“ im kleinen Format. Einige dieser frühen Märchenbücher sind im Alten Museum in Berlin zu sehen. Vor der Vergänglichkeit wollten ägyptische Schreiber ihre Schriften dadurch schützen, daß sie die Rollen in Krügen aus Holz oder Ton aufbewahrten. Die Krüge füllten sie mit Zedernöl. Dennoch ging ein großer Teil des alten Schriftgutes durch Insektenfraß, Grabräuberei oder Grundwasser verloren. Und wie es Altpapier gibt, so gibt es auch Altpapyrus. Daraus wurden Mumienmasken, Särge und Hülsen für die Füße kaschiert. Während ihrer Verpuppung warten die Verstorbenen in ihren kostbar übermalten Text-Hüllen auf neue, göttliche Leiber.

Von „Einheit in der Vielheit“ lebte die antike ägyptische Kultur. Gemeint ist damit die Einheit Gottes in der Vielheit seiner Formen: Tiergestalten, Menschen und Mischwesen. Die Überlieferung des Erzählschatzes beginnt  mit  der ägyptischen Geschichte um 3000 vor unserer Zeitrechnung. Sie reicht zunächst bis in die Anfänge der koptischen Zeit um 200 nach Christi Geburt. Als Quellen gelten auf der einen Seite spontane mündliche Volkserzählungen, die nicht erhalten blieben. Auf der anderen Seite steht eine frühe (Kunst)literatur.

Wachsen uns aus dem alten Ägypten Volksmärchen oder Kunstmärchen zu?

Was bewirkte das Erinnern an Erzähltes mit Hammer und Meißel, später mit Hilfe von Pinsel, Farbe und Papyrus? Die „Enzyklopädie des Märchens“ gibt darüber folgende Auskunft: „Immer wieder hat die Kulturanthropologie beobachtet, daß Volksgut in den großen Institutionen der Kultur aufgezeichnet wird und durch die Schulen wieder ins Volk zurückstrahlt. Sprache wie Bau der Texte und bewußte Redaktion von Traditionsgut erhärten die These, daß es sich um Literaturwerke handelt, nicht um Volkserzählungen. /…/ Volkserzählungen sind, wo sie nicht von Sammlern oder zufällig aufgeschrieben wurden, überhaupt nur auf diese Weise zurückzugewinnen.“1

Wer die Schrift kannte, besaß den Schlüssel zu Wissen und Aufstieg. Ein einfacher Schreiber konnte Großwesir werden. Hohe Beamte unterhielten Schreibschulen, die allen offen standen und um Nachwuchs warben.

Schülerabschriften von Märchen und Fabeln auf Scherben von Tonkrügen blieben erhalten. Einige wurden von ihren Fundorten nach London, Turin und Berlin gebracht und bereichern die umfangreichen Antikensammlungen außerhalb Ägyptens. Ein kostbarer Papyrus enthält das „Märchen vom schiffbrüchigen Seemann“ mit der folgenden Nachschrift des Schreibers in eigener Sache:

„Es geschah von Anfang bis zu Ende so, wie es in der Handschriftenrolle vorgefunden wurde. Geschrieben hat es der fingerfertige Ameno, Sohn des Amuni – er möge leben, heil und gesund sein.“2

Die Wanderwege ägyptischer Märchen, Mythen und Fabeln bis in die Gegenwart sind lang und haben durch unzählige Münder, Ohren und schreibende Hände geführt:

„Israeliten siedelten bis zum Auszug unter Moses im Ostdelta des Nils.

Die Bewohner des antiken Griechenland pflegten Kulturaustausch mit Ägypten seit mindestens 2000 vor unserer Zeitrechnung.

Das ägyptische Heer zog im Neuen Reich (1550-1070/1069 v.u.Z.) regelmäßig nach Asien und Besatzungssoldaten lagen dort Jahrhunderte lang,

Der Handel mit Arabien schlug eine Brücke nach Indien,

Später öffnete Byzanz, dem Ägypten nach der Teilung des römischen Reiches zufiel, dem Erbe vom Nil die Schleusen in das gesamte oströmische Reich,

Koptische Mönche zogen bis nach Irland und sprühten ägyptische Lehren von dort über die nordischen Länder …“1

So treffen wir von Polynesien bis Madagaskar auf Märchenstoffe aus Ägypten. Im Norden gelangten sie von Schweden bis nach Abessinien, von Westeuropa bis nach Russland.Zum Neuen Testament und den „Märchen aus Tausendundeine Nacht“ wurden nachweislich Fäden gesponnen. Alibaba ist ein Kind ägyptischer Phantasie.

„Die Überbleibsel der ägyptischen Erzählungen füllen heute nicht mehr als eine Nußschale.“1  Sie  enthalten Anfänge, Ansätze und Motive von Märchen, die  in die großen europäischen Sammlungen eingingen – wie im 17. Jahrhundert in „Das Pentamerone“ des italienischen Ritters Johann Baptist Basile von Torone. Er war Mitglied einer Dichterakademie auf Kreta.

Aus besagter Nußschale blicken uns mit großen Augen Die Tiere auf Wanderschaft entgegen und es scheint, als wären sie direkte Vorfahren der Bremer Stadtmusikanten. Fünftausend Jahre lang wandert die berühmte Gruppe, bis sie im 19. Jahrhundert Einzug in die Märchensammlung der Brüder Grimm hält.

Am Ende ihres langen Lebens werden Jacob und Wilhelm Grimm auf fünf Jahrzehnte des Sammelns, Bearbeitens und Herausgebens der Kinder- und Hausmärchen zurückblicken. Bis heute ermöglichen die Buchausgaben eigener Hand und zahllose Editionen nach ihrem Tod den Kindern ihre erste Begegnung mit Reichtum und Klang unserer Sprache. Erwachsenen Märchenfreunden schenken sie Entdeckerwonnen auf den zweiten oder dritten Blick.

Im „Deutschen Wörterbuch“ der Brüdern Grimm, begonnen 1849, finden wir  folgende Einträge: „MÄRCHEN – kleine mär, kleine erzählung“ und

mährchen – für eine mit dichterischer phantasie entworfene erzählung.3

Und wir begegnen erneut der Frage: geht es um Volksmärchen oder um Kunstmärchen? Auf der Suche nach Antwort folgen wir den Spuren der Brüder Grimm wie denen, die sie in jungen Jahren auf ihren Weg brachten und den Anspruch der Märchensammlung prägten.

Jacob und Wilhelm Grimm, geboren 1785 und 1786 in Hanau, lebten und arbeiteten in einzigartiger, heute märchenhaft anmutender Gemeinschaft zusammen. Anfangs in Hessen, später in Berlin.

Als die Brüder vier und fünf Jahre alt waren, übersiedelte die Familie in die Heimat des Vaters nach Steinau an der Straße. Er war als Advokat und hochfürstlich hessisch-hanauischer Stadtschreiber dorthin versetzt worden. In Steinau erlebten die Grimm-Kinder ein „wenn auch nur kurz andauerndes Paradies.“ Ihre Eltern bekamen insgesamt neun Kinder, von denen drei das „zarteste“ Alter nicht überleben sollten. Nach kurzer Krankheit starb Vater Philipp Wilhelm Grimm mit 45 Jahren und Mutter Dorothea mußte für ihre sechs Kinder allein sorgen. Ihr „karges Vermögen“ reichte nicht für die Ausbildung von Jacob und Wilhelm auf dem Gymnasium in Kassel. Henriette Zimmer, erste Kammerfrau der Kurfürstin von Hessen und Schwester der Mutter, übernahm die Kosten. Weil sie selbst keinen Haushalt führte, gab sie die Brüder der Familie des herrschaftlichen Mundkochs in Pension.

Wie „einst der Vater“ studierte Jacob ab 1802, Wilhelm ab 1803 die Rechtswissenschaften  in Marburg. Hier hatte Wilhelm Grimm „gar viel zu tun“. Er „lernt nach dem Aufwachen für die Prüfung, dann bis zwölf Seminar, um eins in den Kriminalprozess, zwei bis drei Prüfung, drei bis sechs wieder Seminar, dazu die Praktikums-arbeiten.“4 Der junge Mann langweilt sich von Herzen, besonders im „Kriminalprozess“ und macht sich gern darüber lustig. Jacob Grimm bemängelt fehlende Lebendigkeit, zuweilen auch Geschmacklosigkeiten im Vortrag seiner Dozenten und gerät bei der „abgelebten Zierlichkeit ihres Ausdrucks“ häufig ins Gähnen.

Erst ihr Professor Friedrich Carl von Savigny sollte in den Brüdern den „wissenschaftlichen Funken“ wecken, denn „Savigny diktierte nicht, sondern sprach frei und ruhig und fesselte seine Zuhörer durch den Ausdruck innerer Überzeugung.“4 Der verdienstvolle Dozent bekam 1806 die folgende briefliche Anfrage seines Schwagers Clemens Brentano: „Haben Sie in Kassel keinen Freund, der sich dort auf der Bibliothek umtun könnte, ob keine alten Lieder dort sind, und der mir dieselben kopieren könnte?“5

Der Dichter und Schriftsteller Clemens Brentano hatte 1802 gemeinsam mit dem Physikstudenten Ludwig Achim von Arnim eine Rheinfahrt nach Koblenz unternommen. „In einen alten Mantel gehüllt, ohne Plan mit einem Freunde und einem Buche herumirrend, im Gesange der Schiffer von tausend neuen Anklängen der Poesie berauscht, ohne Tag und Nacht zu sondern, frei von Sturm und Ungewitter …“6 so schmiedeten sie auf der Reise wahrscheinlich erste Pläne für ihre Volkslieder-sammlung „Des Knaben Wunderhorn“.

Savigny empfiehlt Jacob Grimm zur Mitarbeit. Clemens Brentano gewinnt mit Jacob auch den Bruder Wilhelm und weckt in beiden das Interesse an der Volkspoesie des 15. und 16. Jahrhunderts. Auch trägt er Eulen nach Athen: Die Leidenschaft der Brüder Grimm gilt bereits der Literatur. Sie beginnen früh mit der Einrichtung ihrer – bis heute berühmten – gemeinsamen Bibliothek. Für den Kauf von Büchern und Radierungen wenden sie auf, was immer sie an Geld erübrigen können.

Seit 1807 sammeln sie in Brentanos Auftrag neben Liedern auch Sagen und Märchen: „Des Knaben Wunderhorn“ soll durch die Beigabe von Märchentexten erweitert werden.

Eine der ersten  Quellen der späteren Kinder- und Hausmärchen war der Roman „Schilly“ des Wunderhorn-Beiträgers Karl Nehrlich. Jacob Grimm gewann daraus die Skizze „Allerlei Rauch“. Und Dortchen Wild, die spätere Frau Wilhlem Grimms, trug eine mündliche Variante bei. Beide Texte wurden zum Märchen „Allerleirauh“ zusammengeführt.

„Ein Muster sachdienlichen Exzerpierens und behutsamen Bearbeitens hatte Brentano selbst mit seiner Veröffentlichung der Geschichte von Mäuschen, Vögelchen und Bratwurst nach einem Text von Hans Michael Moscherosch aus dem Jahre 1650 gegeben.“5

Der Maler Philipp Otto Runge trug mit „Von dem Fischer un syner Fru“ und „Von dem Machandelboom“ zwei Märchen bei, die den jungen Brüdern Grimm wichtige Vorbilder für ihre eigenen Arbeit an den Texten werden sollten.

Zu umfangreichen Recherchen in der Literatur kam ihr außerordentlich verdienstvolles volkskundliches Sammeln. Jacob und Wilhelm Grimm hoben Texte aus mündlicher Erzähltradition ans Licht und bewahrten sie für die Nachwelt.

„Des Knaben Wunderhorns“ Erweiterung kam nicht zustande. Die Brüder Grimm sammelten seit 1807 in eigener Regie weiter und Achim von Arnim beförderte 1812 das erste Erscheinen der Märchensammlung. Den beiden frühen Auflagen aus den Jahren 1812 und 1819 im Berliner Schulbuchverlag Reimer war siebzehn bzw. achtzehn Jahre lang kein Verkaufserfolg vergönnt. Das sollte sich erst mit der „kleinen Ausgabe“ zum kleinen Preis ab 1825 langsam ändern.

Seit 1819 leitet das Bild der „Kasseler Märchenfrau“ Dorothea Viehmann den 2. Band der Kinder- und Hausmärchen ein. Die Radierung des Malerbruders Ludwig Emil Grimm zeigt eine ältere Frau in bäuerlichem Gewand und möchte damit auf eine Erzählerin aus dem einfachen Volke verweisen. Hier begegnen wir einer Legende, die sich, gepflegt nicht nur von den Brüdern Grimm, lange hielt. Dorothea Viehmann-Pierson wurde in einer hugenottischen Familie geboren und war mit einem Schneidermeister verheiratet. Die Familie des französischen Predigers in Kassel schickte sie zum Erzählen zu den Grimms.

Das Bild von den Brüdern, die Märchen sammelnd über Land zogen, gehört in das Reich der Phantasie. „Der einzig nachweisbare Versuch Wilhelm Grimms“ – von Brentano veranlasst! – einer alten Frau in Marburg ihr Märchenrepertoire abzugewinnen, ist /…/ gescheitert: „Das Orakel wollte nicht sprechen.“5

Dorothea Viehmann-Pierson blieb mit ihren mehr als fünfzig Jahren eine erzählende Ausnahme. Die anderen Beiträgerinnen unserer Kinder- und Hausmärchen waren junge Damen aus Familien des gehobenen Bürgertums und des Adels. Von Ludwig Hassenpflug, dem Schwager der Brüder Grimm, erfahren wir: „Meine älteste Schwester Marie hatte eine dem herkömmlichen Lebenskreis sehr überragende Geistesrichtung und lernte bei Engelhards Jacob Grimm kennen und dessen Bruder Wilhelm /…/ Sie kam durch diese Verbindung in eine völlig veränderte geistige Luft; Literatur und Poesie, Interesse für Goethe und alle geistige Bewegung, namentlich auch für Märchen und altdeutsche Poesie kamen als Gegenstände der häuslichen Unterhaltung auf /…/ bei der isolierten Stellung der Brüder kam es dazu, daß man sich stets bei Grimms in deren Wohnung in der Marktstraße neben der Wildschen Apotheke traf und dort sehr heitere Abende zubrachte.“5

Auch Marie Hassenflug entstammte einer Hugenottenfamilie. Die Konversation im Hause des Vaters, eines Regierungspräsidenten, wurde in französicher Sprache geführt.

„Schmuddelkinder“ aus dem Erzählschatz bildungsarmer Mitbürger kamen den Brüdern Grimm auf diese Weise nicht zu Ohren. So blieben die Märchen, die das „einfache Volk“ erzählte, ein Ideal romantischer Phantasie. Aufnahme in die Märchensammlung konnten sie nicht finden.

Die Herkunft der Kinder- und Hausmärchen in der Ausgabe letzter Hand von 1856 läßt sich in einer kleinen Statistik zusammenfassen:  87 von 200 Texten haben schriftliche Quellen in Büchern, Zeitschriften oder alten Manuskripten.

29 Märchen steuerte Familie von Haxthausen mündlich bei, 24 Familie Hassenpflug. Dorothea Viehmann verdanken wir 21, der Familie Wild 20, der Familie von Droste-Hülshoff 3, Friederike Mannel und Ludovica Jordis (geb. Brentano) je 1 Text. 14 Märchen wurden nachweislich von männlichen Beiträgern übermittelt.

Die erzählenden jungen Damen – Dortchen, Gretchen, Lisette und Marie Elisabeth Wild … Marie, Jeanette und Amalie Hassenpflug … Anna und Ludowine von Haxthausen und Jenny von Droste-Hülshoff – waren hoch gebildet und belesen. Als Beiträgerinnen der Märchensammlung packten sie die Gelegenheit beim Schopfe und wendeten ihr Wissen an. Die Erzählungen, die sie „auftaten“ und weitergaben, machen den größten Teil der Sammlung aus.

Die Brüder Grimm haben es mit ihrer fünfzigjährigen Arbeit an Auswahl und Textfassungen der „Kinder- und Hausmärchen“ weder ihren Zeitgenossen noch uns recht machen können. Mit ihren Durch- und Umarbeitungen banden sie Gegenwart und Zukunft in die Vergangenheit der Märchen ein. Zu ihren Lebzeiten kritisierten Konkurrenten unter den Märchensammlern und -herausgebern, daß die Brüder, vornehmlich Wilhelm Grimm, zu zaghaft bearbeitet hätten. Gegenwärtig wird gerne beklagt, der Eingriffe habe es zu viele gegeben.

Jeder Text, so wie er uns Heutigen begegnet, hat seine Wahrheit, seinen Ton und seine Widersprüche. Darauf können wir vertrauen, wenn wir Märchen lesen und besonders, wenn wir sie,  im lustvollen Neu-Entdecken, erzählen.

Im ersten Teil unserer Reise haben wir eine luftige Brücke über den Zeitraum von 5000 Jahren gebaut. Am altägyptischen wie am deutschen Ufer im frühen 19. Jahrhundert finden wir ähnliche Situationen vor: Machtpolitische Umwälzungen gehen mit sozialen Zusammenbrüchen einher und eröffnen einen Freiraum für bildnerisches und dichterisches Schaffen, der Fragen nach der kulturellen und zur Zeit der Frühromantik auch nach der nationalen Identität formuliert.

Unter dem Pharao und Religionsreformer Echnaton (Amenophis IV) wurde um 1340 v.u.Z. der Jenseitsglaube aufgegeben: Alles mußte in der Zeit des irdischen Lebens untergebracht werden. Nofretete und Echnaton wurden als Herrscherpaar und glückliche, liebende Eltern zur Verkörperung des Gottes Aton – der Sonne – auf Erden. In der Kunst dieser Zeit, heute bekannt als Amarnazeit, gewinnt mit der Hinwendung zur Natur erstmals der flüchtige Augenblick an Bedeutung.

Wir werden ihm im Impressionismus erneut begegnen. Der Volkskunst und der Dichtung wuchsen Flügel unter Echnaton. Vermutlich schrieb der Pharao selbst seinen Sonnengesang:

 

„Die Menschen sind aufgewacht und kommen

auf die  Beine;

du hast sie aufgerichtet.

Sie waschen ihre Körper,

sie ziehen ihre Kleider an,

ihre Arme haben sie erhoben zum Gebet bei

deinem Aufgang,

und das ganze Land verrichtet seine Arbeit.

Alles Vieh tut sich an seinen Gräsern gütlich,

Bäume und Kräuter grünen.

Die Vögel fliegen aus ihren Nestern empor,

ihre Flügel lobpreisen deine Lebenskraft.

Alles Wild hüpft auf den Beinen /…/2

 

Jahrtausende später werden die Märchensammlung der Brüder Grimm und die Volksliedersammlung Clemens Brentanos und Achim von Arnims ihren Anfang in der Zeit der Napoleonischen Eroberungskriege nehmen. Kinder- und Hausmärchen und „Des Knaben Wunderhorn“  erzählen   kulturelles Erbe, verweisen dabei auf nationale Traditionen im positiven Sinn und holen sie ins Bewußtsein ihrer Mitmenschen: Die Lieder und Märchen sollen sie in unsicherer Zeit stärken und verbinden. Ein seltenes „fliegenden Blatt aus dem letzten Kriege mit Frankreich“ richtet sich an Leser und Sänger:

Süße, liebe Friedenstaube,

Die du schnell den Ölzweig bringst,

Wenn du vor des Geiers Raube

Frei den kleinen Fittich schwingst!

Ist es wahr, daß du den Klüften

Deines Elends dich entziehst

Und von Hoffnung aus den Lüften

Froh auf unsre Fluren siehst?

Komm, verzeuch nicht, laß dich nieder,

Unsre Herzen öffnen sich,

Gib uns Fried und Eintracht wieder,

Und du findest sie für dich.

Laß das holde Zweiglein fallen!
Denn sobald es Wurzeln schlägt,

Sehn wir Heil und Wohlgefallen

In den Früchten, die es trägt. […]7

 

Durch den Krieg und die nachfolgende französische Besatzung sowie durch die Auflösung der Großfamilien mit Beginn der Industrialisierung gingen traditionelle Erzählgemeinschaften, -zeiten und –räume unwiederbringbar verloren. Lieder und Märchen aber haben, gut aufgehoben zwischen Buchdeckeln, unbeschadet überlebt.

Gegenwärtig erfährt das Märchen-Erzählen eine wahre Renaissance. Neue Erzählräume und –gemeinschaften entstehen. Mit Lust am Text, Neugier und Experimentierfreude arbeiten KünstlerInnen solistisch oder wie z.B. FABULA DRAMA aus Berlin in der Gruppe an der bei uns noch jungen FormErzähltheater“.

 

II Räume 

Erzählen braucht Intensität, Kraft und Zuwendung zum Publikum. Wer professionell Märchen, Mythen und Geschichten erzählt, holt sie ins Hier und Jetzt – ohne Buch und ohne Manuskript. Welche Rolle spielt dabei die Umgebung, in der wir uns zusammenfinden?

Ein Märchen aus Indien beginnt mit den folgenden Worten: „Vor langen, langen Zeiten, als die Erde noch jung war, gingen einmal die Sonne, der Wind und der Mond zum Onkel Donner und zur Tante Blitz zum Mittagessen. Mutter Himmelszelt stattete sie für die Reise aus und blieb allein zu Hause zurück.“8

Bei ihr finden wir den weitesten Erzählraum. Wir setzen uns dem Wetter, bei Tag dem Sonnenlicht, bei Nacht der Finsternis aus … erleben Freiraum  … bekommen eine Ahnung von Anfang und Ende der Welt.

Reisen wir von Indien nach Island, dann ist der Himmel in der Sprache von Urgroßmutter Edda als Mann, der die weibliche Erde umfaßt, gedacht. „In die Reihe der Götter sei er aber nicht aufgenommen, während die Erde unter den Göttinnen stehe. „Himmel“ bezeichne uns den bloßen Raum und Aufenthalt der Götter.“9

In Himmelsräumen nehmen die Gestirne Wohnung. Ihnen werden bestimmte Stätten, Plätze und sogar Möbel zugeordnet. So geht die Sonne jeden Tag zu ihrem Sitz, einem Sessel hinter dem Horizont, nieder. Auch die Sterne sitzen auf Stühlen, an Tischen oder bilden gar die „Tische des Himmels“. Das gilt aber nur für die ruhenden Sterne (Fixsterne). Die wandelnden Sterne bekommen Rosse und Wagen.

Sehen wir zum Himmel auf und staunen, denn unser Blick wird erwidert! „Stirn“ ist Bestandteil des Wortes „Gestirne“ und in der ältesten, sinnlichen Form unserer Sprache hat der Himmel ein Gesicht. Altnordisch wurde der Mond „Himmelszunge“ genannt, nach seiner Sichel- oder Zungenform.

Sonne, Mond und alle übrigen Sterne sind nach dem Verständnis unserer heidnischen Vorfahren aus göttlichen Augen erschaffen. Sie sehen alles, was auf der Welt geschieht.

Jacob Grimm schreibt in seiner Deutschen Mythologie: „Wie aber die Sonne als bloßes Auge, wurde sie auch als volles Gesicht und Antlitz des nieder schauenden Gottes dargestellt und so bildet man sie noch heute ab“9 Und genau so finden wir sie in den Zeichnungen unserer Kinder.

„Franz von Assisi meinte, die Sehnsucht nach dem Himmel halte die Menschen warm auch in der kältesten Nacht“1

Wie gelangen wir nach oben?  Genügt es, wenn wir uns in den siebten Himmel wünschen? Der junge Jäger im Märchen vom Krautesel (KHM 122) schwingt sich auf eine Wolke und rettet sich so vor den  Riesen vom Granatberg. Andere Helden steigen auf Himmelsleitern (Jakob, Gen. 25,12 ), Stapel von Holzkisten (Wie der König den Mond erreichen wollte, persisches Märchen)  … sie klettern an Bohnen- oder Kürbisranken, manchmal sogar an Buchweizenhalmen himmelwärts.

Wer unten bleibt, mag sein Hemdlein verschenken und auf Sterntaler (KHM 153)  hoffen … oder das Blaue vom Himmel lügen. Alles ist erlaubt, denn Mutter Himmelszelt ist voller Mythen, Märchen und Legenden. Sternbilder, alte und neue Schriften sorgen dafür, daß wir uns ihrer so lange erinnern, bis die Welt untergeht, wie es der Prophet Jesaja im Alten Testament befürchtet: „Die Gestirne zerfallen, und der Himmel rollt sich ein wie eine Buchrolle. Die Sterne fallen herab wie welkes Laub vom Weinstock, wie nicht ausgereifte, verkümmerte Feigen.“(Jesaja 34,4)10 

Noch ist der Himmel aufgespannt wie im jüdisches Märchen von den Tausend Vorwelten und wölbt sich nach einem „entschlüpften heidnischen Ausdruck“ als schildburg über unseren Köpfen, „mit goldenen Schilden wie mit Schindeln gedeckt.“9 Darunter läßt es sich gut sitzen und in frischer Luft den Auftritt mit Sorgfalt vorbereiten, so wie es Generationen von Märchenerzählern lange vor uns getan haben mögen. „Beim Hüten des Viehs, auf der Rückkehr vom Markt, beim Warten auf das Mahlen des Getreides studierten sie ihren Vortrag ein und erprobten die Wirkung ihrer Stimme draußen auf freiem Feld.“1 Ihrer Spezialisierung und ihres künstlerischen Niveaus entsprechend wurden sie zu bestimmten Anlässen herangezogen  –  „rituellen Charakters wie Totenwachen, Hochzeiten und Taufen, gesellschaftlicher Art wie Zusammenkünfte an Winterabenden oder Treffen zur gemeinschaftlichen Arbeit wie Spinnen, Jäten oder Maisschälen.“1

Bis heute finden wir Märchenerzählerinnen und Erzähler auf Märkten und wen die Reise nach Marokko führt, der besuche den Markt von Marrakesh … schaue, dufte, schmecke … und höre ein Märchen.

Wir bleiben vorerst im Lande, zünden ein Feuer an und setzen uns in sicherem Abstand drumherum: wieder entsteht Erzähl-Raum … das Feuer leuchtet, wärmt, stiftet Gemeinschaft.

„Feuer bedeutet […]  auch Verletzung und Vernichtung. Außerdem dient es dem Menschen in verschiedener Hinsicht: Es macht Speisen verdaulich und genießbar, […] härtet Ton, bringt Erz zum Schmelzen.“1

„Gleich dem Wasser gilt das Feuer als lebendiges Wesen … bei den Ägyptern als hungriges, rastloses, nimmersattes Tier: es leckt mit der Zunge … frißt um sich … weidet das Land ab.“9

Nach Urgroßmutter Edda ist das Feuer Bruder des Windes und des Meeres. „Das Volk vergleicht dieses Element einem von Haus zu Haus fliegenden Hahn: Ich will dir einen rothen hahn aufs dach setzen ist die Drohung des Mordbrenners.“9

Die  Körperwärme  lebendiger Wesen wird fast überall auf der Welt mit der Wärme einer Flamme in Verbindung gebracht.1 Wir entzünden feierlich Geburtstagskerzen und Jahr für Jahr strahlt ein Licht mehr zu Ehren des Geburtstagskindes.

Lebenslicht und Totenlicht sind miteinander verwandt: So spielt der junge Arzt im Märchen Der Gevatter Tod  (KHM 44) mit dem Feuer, wenn er aus Liebe die schöne, kranke Königstochter im Bette umdreht und sie damit rettet. Die Braut bleibt in der Welt der Lebenden. Im Märchen heißt es weiter: „Der Tod, als er sich zum zweitenmal um sein Eigentum betrogen sah, ging mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach „es ist aus mit dir und die

Reihe kommt nun an dich,“ packte ihn mit seiner eiskalten Hand so hart, daß er nicht widerstehen konnte, und führte ihn in eine unterirdische Höhle. Da sah er, wie tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, andere halbgroß, andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige, und andere brannten wieder auf, also daß die Flämmchen in beständigem Wechsel hin und her zu hüpfen schienen. „Siehst du,“ sprach der Tod, „das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen.“

„Zeige mir mein Lebenslicht,“ sagte der Arzt und meinte, es wäre noch recht groß. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte, und sagte „siehst du, da ist es.“5

Legenden ranken sich um Feuer  auch als Mittel der Verjüngung. In europäischen Märchen und Schwänken ist die Rede von Altweibermühlen und Backöfen mit ähnlicher Wirkung. Das junggeglühte Männlein (KHM 147) muß eine harte Kur aushalten, bis es Alter und Gebrechen loswird und fortan wieder selbst sein Brot verdienen kann.

Märchen und offenes Feuer bilden eine treffliche Gemeinschaft. Erzählen ist Erinnern … mit Worten und miteinander spielen … direkte Kommunikation. Wer in der Runde sitzt, bleibt jung – auch ohne Esse, Schmied und Löschtrog. Es knistert im Feuer … und schon geht die Phantasie auf Reisen.

Das Märchen kennt weder Ort noch Zeit. Aber es treibt die Menschen, die sich ihm verschreiben, auf die Wanderschaft. Hören oder erzählen wir, dann werden wir zu „Weidegängern“ – zu Nomaden. Der Himmel wird uns zum Vater, die Erde zur Mutter und der Erzählraum scheint so weit, wie des Erzählers Stimme reicht.

Wir  wollen jetzt das Erdenrund auf ein menschliches Maß verkleinern und unser Feuer in den Ofen setzen. Ehe wir einen Kessel darüber hängen können, in dem es heimelig brodelt und brutzelt, haben wir noch zu tun: Wir müssen unser Hab und Gut im Kreis um den Herd herum aufstellen, die Hilfe einer erfahrenen Großfamilie erbitten … und in wenig mehr als Stunde steht das nomadische Haus.

Haus­­+Heimat bilden in der mongolischen Sprache das gemeinsame Wort für Jurte. Gemeint sind zugleich Landschaft und Erdenrund. Stell dir ein leuchtend weißes Zelt mit Herdfeuer im Inneren vor … es dient in der weiten Steppe als Wohnstätte, Eß- und Schlafplatz wie als Versammlungsort. Eine Filzhaut schützt seine Bewohner vor Hitze im Sommer und vor Kälte im Winter.

Märchen und Gesänge, Zeremonien und Magie gehören seit Jahrtausenden zum Leben nomadischer Gemeinschaften überall auf der Erde. Die runde Jurte bietet Raum für ein mobiles WeltTheater im überschaubaren Format. Als Gäste müssen wir nicht anklopfen. Wir sind willkommen. Kinder können leicht durch die niedrige Tür eintreten. Erwachsene müssen sich tief bücken, weil der Mensch klein ist als Bewohner der großen Jurte unter freiem Himmel.

Die Kuppel über unseren Köpfen im Innenraum der kleinen Jurte symbolisiert den Kosmos … der Raum, den die Scherengitter fassen, steht für die Lebenswelt des Menschen … der Fußboden und was darunter liegt, für die Unterwelt. Wer zwischen den Stützpfeilern hindurchgeht, so heißt es, bringe das Weltgefüge ins Wanken.

Ein sinnliches Rund erwartet uns: Es riecht es nach Yak, Schaf, Ziege, Kamel und Pferd … eben nach der Kreatur der Steppe. Die einzige Tür ist nach vorneSüden gerichtet. Auch für hintenNorden, rechtsWesten und linksOsten werden gemeinsame Worte verwendet. Die Rauchöffnung im Zentrum gibt den Blick in den blauen Himmel frei und dient als Sonnenuhr. Ein mongolischer Nomade weiß, um welche Stunde ein Sonnenstrahl auf eine bestimmte Stelle in der Jurte fällt.

Wer eintritt, ist geborgen, wird auf einfache Weise bewirtet und kann sich bisher ungewohnter Zeit- und RaumErfahrung überlassen.

Die Jurte ist Wohnstätte … Schamanen- wie Versammlungsort … HausHeimat für klangvolle Erzählschätze. Kinder, so wird berichtet, würden in der Nacht heimlich Eiswasser in den Mund nehmen. So blieben sie wach, könnten dem Sänger lauschen und müßten keine der „vieltausend“ Strophen eines Heldenepos verpassen. Die großen mongolischen Erzählungen sind wie die Gesänge von Urgroßmutter Edda in Stabreimen verfasst:

 „Gastgeber, heil euch!

Der Gast ist gekommen –

wo soll er sich setzen?

Gar eilig hat’s,

wer am Herdfeuer muß

seinen Vorteil suchen.

Feuer braucht

Wer ins Haus eintrat

Mit kalten Knien;

Speise und Kleider

Braucht der Mann,

der über die Berge ging.

 

Wasser braucht,

wer zum Essen kommt,

und gute Begrüßung, ein Handtuch –

Freundesgesinnung,

wenn er sie haben kann,

und Reden und Schweigen.11

Jurtenmenschen beginnen und beschließen jeden Tag mit einer Erzählung, so heißt es. Schweigepausen unterbrechen ihren Redefluß. Der große tuwinische Erzähler Galsan Tschinag schreibt: „Als der Himmel die Zeit schuf, hat er genug davon geschaffen. […] Die Nomadensprachen sind so bilderreich, daß alles, was gesagt wird, von den Zuhörern auch verstanden und aufgenommen wird. […] Das laute Reden ist im allgemeinen nicht beliebt. […] Also, der Blick ist wichtig. Geschätzt wird auch eine weiche, leise Stimme. Und eine runde, fließende Bewegung. […] Den Kindern sagt man: Versuch langsam und leise zu reden. Versuch wenig zu reden! Der Mensch kann nie zu wenig reden!“12

Wer Märchen erzählt, hat etwas zu sagen: „Und unterbrich mich nicht, denn einen Nomaden im Redefluß unterbrechen, heißt ihn bezwingen, ihn eindämmen und letztlich erdrosseln. Und was wäre die Welt ohne ihre Erzähler?“12

Wenn Du die Weite schätzt und gerne unabhängig bist … auf eine kraftvolle Stimme vertrauen kannst und allen Wettern trotzt, dann wähle Mutter Himmelszelt zu Deinem bevorzugten Erzählraum.

Wird es kalt oder hast Du im Dunkeln das Fürchten gelernt, dann zünde ein Feuer an und wickele Dich und die Zuhörer in warme Decken.

Magst du die runde Form und Nähe ohne Enge … entdeckst neugierig das Eigenleben zunächst fremder Räume … ihre Rituale und Zeremonien … scheust auch ungewohnte Gerüche nicht und fließt Nomadenblut in Deinen Adern … dann wähle eine  Jurte zum Erzählen.

 

Regt Dich keine der drei Möglichkeiten an, dann mache Dich sich mutig auf den Weg und finde … erfinde Deinen Texten Räume. Der Weg entsteht beim Gehen.

Quellen

1          „Enzyklopädie des Märchens“, Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, Band 1 und Band 6, Walter de Gryter, Berlin New York 1999

2          „Pharao Cheops und der Magier“, Altägyptische Märchen und Erzählungen,  Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Zürich 2003

3          „Deutsches Wörterbuch“ von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, elektronische Ausgabe der Erstbearbeitung, Zweitausendeins 2004

4          „Briefwechsel zwischen Jacob und Wilhelm Grimm aus der Jugendzeit“,  Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1963

5         Brüder Grimm, „Kinder- und Hausmärchen“, Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm, mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen    und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke, Philipp Reclam jun. Stuttgart  1982

6          Clemens Brentano, „Gockel und Hinkel“, Ausgewählte Märchen, Nachwort und Anmerkungen von Gerhard Seidel, Philipp Reclam jun. Leipzig 1982

7          Ludwig Achim von Arnim und Clemens Brentano, „Des Knaben Wunderhorn“, Eine Auswahl, Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1981

8          „Der Märchenbaum“, Märchen aus aller Welt, ARTIA Praha 1960

9          Jacob Grimm, „Deutsche Mythologie“, Band II, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz – Austria 1968

10         Die Bibel in heutigem Deutsch, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart 1982

11         Die Edda, Götter- und Heldenlieder der Germanen, Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Zürich 1989

12         Galsan Tschinag, Amélie Schenk, „Im Land der zornigen Winde“, Unionsverlag Zürich 1999


Marianne Fritz  /  Märchen & Räume